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Italien unverständlich?



Wenn man derzeit die Berichte internationaler und deutscher Medien űber Italien ansieht, so kann man sich nur wundern. Teilweise handelt es sich um Korrespondenten- und Agenturberichte, teilweise um Äusserungen von Politikern.

Da wird Regierungschef Mario Monti blind zugetraut, dass er seine Reformen durchsetzen und umsetzen wird. Da wird Italien am Abgrund gesehen, weil das Statistikinstitut ISTAT die seit Jahren anhaltende Rezession erneut bestätigt. Da wird Monti geglaubt, dass die informelle Koalition der alten Parteien brav zu ihm hält.

Alles Unsinn. Die italienische Wirklichkeit sieht anders aus. Die Parteien sehen das Land keineswegs am Abgrund, sondern halten Monti fűr einen Talisman, der Italien vor den Strudeln der Finanzwelt schűtzt. Es reicht, dass er da ist, aber zu viel Einfluss darf man ihm nicht geben.

Längst haben die Parteien, die Gewerkschaften und anderen Interessenverbände wieder ihr alltägliches Intrigenspiel aufgenommen. Sie streiten unter sich und mit der Regierung um jede Kleinigkeit. Montis gut gemeinte Gesetzesvorlagen werden zerpflűckt, auf die lange Bank geschoben. Nur mit der Vertrauensfrage und Wutausbrűchen der zuständigen Minister lässt sich noch das eine oder andere Reformvorhaben stark lädiert durch das Parlament schieben.

Gianfranco Fini, der Chef der Neofaschisten, klagt, dass die Parteien auf Kosten der Regierung beim Wähler eine gűnstige Position fűr die Nach-Monti-Zeit zu erringen versuchen.

Fűr ein Krisenland ein unwűrdiges Schauspiel. Angesichts mehrerer Fälle von massiver Korruption in Parteienfinanzen und Regionen, des Streits űber den Ort einer neuen Műllhalde fűr Rom, und wegen des jűngsten Erdbebens, des Vatikan-Skandals und der Berlusconi-Prozesse findet sich in Italien wenig Interesse fűr die Qualen und Misserfolge der Regierung Monti.

Dass Rezession herrscht und immer mehr junge Menschen arbeitslos werden, wundert niemand. Mehr instinktiv als argumentativ hat Italien verstanden, dass die goldenen Zeiten vorbei sind und man sich auf Dauer in der Misere einrichten muss.

"Die Menschen bleiben zuhause, kaufen nur das Notwendigste und sparen, weil sie Angst vor neuen, unvorhergesehenen Belastungen haben", meint ein Restaurantbesitzer, bei dem selbst am Samstag abend Tische frei bleiben, während frűher Leute vor der Tűre Schlange standen.

Dass Italiens Wirtschaft nicht nur schrumpft, sondern sogar schrumpfen muss, weil die das Geldvolumen aufblähenden Haushaltsdefizite schrittweise entfallen, mehr Mittel in den Schuldendienst gehen und die Nachfrage entsprechend nachlässt, ist zwar in Italien verstanden, nicht aber in ausländischen Medien.

So unterdrűckte Spiegel Online als „ungehörig“ kűrzlich einen Kommentar, der sagte, dass Italiens Wirtschaft so lange schrumpfen muss, bis wieder ein selbsttragendes Gleichgewicht ohne Defizite erreicht ist.

Natűrlich erschwert die wirtschaftliche Kontraktion den Schuldendienst. Natűrlich reagieren die Kreditgeber — Regierungen wie Finanzinvestoren — alarmiert auf die Schrumpfung der mediterranen Volkswirtschaften. Sie beweisen damit nur ihr Unverständnis elementarer Zusammenhänge. Es müsste ihnen klar sein, dass jeder Schuldendienst-Plan, der eine Schrumpfung — im Falle Italiens insgesamt vielleicht um 20 Prozent ab 2009 — nicht einkalkuliert, von vornherein Makulatur ist.

Die gegenwärtige Rezession ist also kein Grund zur Aufregung, sondern ein Anlass, die Kalkulationen zu revidieren und bessere Wege aus der Schuldenkrise zu finden.

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—— Benedikt Brenner